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Artikel Wormser Zeitung

Die eigene Mutter oder Mesut Özil

05.12.2012 - WORMS
Von Johannes Götzen
VORBILDER

Ethikinitiative diskutiert im Andreasstift über Idole, Lehrer und Politiker
Wir brauchen Vorbilder, aber welche sollten es sein? Und wo finden wir sie? Was überhaupt macht ein Vorbild aus? Ilse Lang, Schirmherrin der Wormser Ethikinitiative, umriss die Aufgabenstellung des jüngsten Andreasstift-Gespräches im alten Kirchenraum. Im Laufe des Abends zeigte sich freilich, dass es nicht die eine Antwort geben kann, dass das Thema sehr umfassend ist.
Im Grunde gab die Initiatorin Ilse Lang schon eine der wesentlichen Antworten in ihrer Begrüßung. „Wir alle sind Vorbilder“, dazu gehörten selbstverständlich Eltern ebenso wie Trainingsleiter in Sportvereinen wie auch Stadtoberhäupter. Dr. Kurt E. Becker, Vorstandsmitglied der Alexandra-Lang-Stiftung, machte in seinem einführenden Vortrag die Problematik deutlich. Eltern seien Vorbilder, ob sie nun wollten oder nicht. Häufig seien sie in unserer heutigen Welt jedoch mit dem Elternsein und Vorbildsein überfordert. Die Konsumwelt umschlinge uns, vielfach würden wir uns auch von der Unterhaltungsindustrie regelrecht gefangen nehmen lassen.
Ahmet Cengelköy, viele Jahre aktiv im früheren Ausländer- und heutigen Migrationsbeirat, hatte sich des Themas „Vorbilder zwischen den Kulturen“ angenommen. Auch er befand, dass die Eltern Vorbilder seien und zwar die wichtigsten im Leben eines Menschen. Aber er warnte vor vorschnellen Urteilen. Es gebe die Mutter mit Migrationshintergrund, die praktisch Analphabetin ist - aber sehr wohl ihre Kinder bis zu einem Studium bringe. Vorbilder könnten eine Brücke für die sein, die zwischen den traditionsbehafteten Eltern und der modernen Welt hier stünden. Das könnten etwa Sportler wie Mesut Özil oder Schauspieler sein.
Positives Verhalten vorleben
In der folgenden Diskussion war Ahmet Cengelköy eines besonders wichtig: Man müsse Vorbilder unter den Migranten stärker in der Öffentlichkeit sehen, ob in der Stadtverwaltung, am Bankschalter oder als Polizist auf Streife. „Jugendliche sollen sehen: Ich kann etwas erreichen“, so Cengelköy. Moderator Dr. Becker fragte in der Runde Landtagsabgeordneten Jens Guth natürlich, ob Politiker Vorbild seien. „Das“ Vorbild gebe es wohl nicht, so Guth, sehr wohl aber Politiker, die sich in bestimmten Situationen, bei bestimmten Anlässen vorbildlich verhalten hätten. Das gelte natürlich über die Parteigrenzen hinweg.
Ursula Hartmann, Lehrerin und Leiterin der Mittelstufe am Rudi-Stephan-Gymnasium, fand auf die Frage, ob es schwer sei, stets Vorbild für Schüler zu sein, diese Antwort: „Es ist mitunter anstrengend und braucht viel Liebe zum Beruf.“ Im Idealfall würden Eltern und Lehrer in einem offenen Dialog gemeinsam die Vorbildrolle übernehmen. Gerade bei Kindern von Migranten sah sie die Rolle der Lehrer als wichtig an: „Wir repräsentieren das Land, in dem sie leben.“
Ob es denn einen Konflikt gebe zwischen der Aufgabe, wirtschaftlichen Erfolg zu haben und dennoch Vorbild zu sein, wollte Becker von Dr. Markus Mönig, RWE-Geschäftsführer, wissen. Profit zu machen, sei zunächst nichts unethisches, so der Manager, diesen etwa durch Korruption zu erlangen jedoch sehr wohl. Für sich selbst sagte Mönig: „Wenn ich einen Konflikt sähe, wäre ich kein Geschäftsführer.“